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Medienberichte 2018

 

Ehrung Dr. Hintze

Am 23.04.2018 überreichte der Präsident des Rotary Clubs Hans Martin Roland
die Leopold-Medaille
unserem Knabenchorleiter Dr. Jürgen Hintze.
Hier MOZ-Artikel

Hier die Laudatio von Herr Chordirektor Rudolf Tiersch:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Präsident Roland,
lieber Jürgen Hintze!

An mich wurde seitens des Rotary Club Frankfurt (Oder) die Bitte herangetragen, die Laudatio auf den heute zu Ehrenden zu halten.
Und ich bin dieser Bitte gerne nachgekommen, nicht ahnend, wie viel Zeit des Nachdenkens, des Formulierens und des Umformulierens ein solches Unterfangen erfordert.
Will man doch, gerade im Falle des heutigen Laureaten, alle Aspekte seines Wirkens bedenken und darlegen, ohne auszuufern und im schlimmsten Falle das Auditorium zu langweilen – denn eine alte Weisheit besagt:

„Man kann über alles predigen, nur nicht über 10 Minuten“.

Ich versuche, mich daran zu halten!
Ein Laureat ist der wörtlichen Übersetzung nach ein Lorbeerkranzträger – und - aus meiner Sicht, nicht nur ein Lorbeerkranz gebührt dem Lebenswerk von Dr. Jürgen Hintze, es müssten ihrer viele sein.

Geboren kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges im Juni 1945 wuchs er in Berlin als Halbwaise auf, da der Vater nicht aus dem Krieg zurückkehrte.
In Berlin verbrachte er auch seinen ersten großen Lebensabschnitt mit Schulzeit und Studium. Seine Mutter und seine Großmutter gaben ihm in Überfülle familiäre Geborgenheit – wohl die Grundlage jener menschlichen Wärme, die er im Laufe seines Wirkens immer wieder schenkte und schenkt.
Persönlich sieht er seine Kind- und Schulzeit als die eines völlig normalen Jungen, mit den entsprechenden Spielen und Streichen.
Obacht für die anwesenden Knabenchoristen:
Euer Chorleiter baute sich, mit viel Fantasie, im Rinnstein Autos aus Laub und er blieb diesem Baustoff auch in den Jugendjahren treu, denn seine ersten Zigaretten – Rauchen war damals gesellschaftlicher Konsens – drehte er sich aus getrockneten Kastanienblättern.
Wer von euch im Moment mit dem Begriff Rinnstein nichts anzufangen weiß, man kann es googeln.

Nach dem Abitur arbeitete er als „Junge für Alles“ – wir wollen ja der Gendergerechtigkeit Tribut zollen – 3 Jahre in einem Krankenhaus.
Er lernte also seinen späteren Beruf von der Pike auf und konnte, aus den dabei gesammelten Erfahrungen, Abläufe im Krankenhausbetrieb umfassend betrachten.
Dieser Tätigkeit folgte dann das Medizinstudium an der Humboldt-Universität zu Berlin, welches er als Doktor der Medizin im Fachbereich Kinderchirurgie abschloss.

An diesem Punkt seiner Vita, der nun folgenden Wahl des Arbeitsplatzes, zeigt sich ein Paradoxon.
Eine eigentlich restriktive Maßnahme kehrt sich andernorts zur glücklichen Fügung. Denn, Jürgen Hintze, kirchlich gebunden und nie Mitglied einer der gängigen Massenorganisationen, musste aus eben diesen Gründen Berlin verlassen.
Er entschied sich 1973 für Frankfurt (Oder). Ausschlaggebend für ihn waren dabei die Nähe zu Berlin und damit verbunden die Nähe zu seiner Familie.
Er war also in unserer Stadt angekommen, sicher nicht davon ausgehend, dass dieser Ort zu seinem ständigen Lebensmittelpunkt werden würde.
Ich stelle mir die ersten beiden Jahre seines Hierseins ungefähr so vor:
wir sehen einen jungen Mann mit einer überbordenden Energie, die von ihm bis zum heutigen Tag noch förmlich als Urgewalt ausgeht, einen jungen Mann, welchen stundenlange Operationen, Schichtdienste und „noch überschaubare“ Schreibarbeit bei weitem nicht auslasten.
Ob er – ganz hibbelig – durch die Straßen dieser Stadt tänzelte, ist nicht überliefert, aber durchaus vorstellbar.

Wie gut für ihn und uns, dass ab 1975 die Singakademie Frankfurt (Oder) endlich wieder als Singakademie an der Konzerthalle „C. Ph. E. Bach“ arbeiten durfte. Die Stigmatisierung als zutiefst bürgerliche Institution war politisch ad acta gelegt. Dr. Jürgen Hintze wurde wie selbstverständlich Mitglied der ersten Stunde.
Denn, und nun müssen wir ein wenig Rückschau halten – seine ersten musikalischen Erweckungserlebnisse hatte Dr. Hintze bereits während seines Studiums in Berlin. Dort wurde er Mitglied der Berliner Singakademie, die zum Zwecke der Oratorienpflege 1963 ins Leben gerufen wurde, um eben diese Oratorien kennenzulernen und zu singen - und, sicher auch, erlauben sie mir einen kleinen Exkurs, weil es für Akademiker Usus war, Kultur zu rezipieren und / oder an ihr zu partizipieren.

- - - Wo sind die Akademiker heute, ob als Ausführende oder Zuhörende?....... Wie dem auch sei…

Unser Laureat jedenfalls erlebte an der Berliner Singakademie als Chorist unter den renommierten Leitern Helmut Koch und Dietrich Knothe unter die Haut gehende Aufführungen, aber dies war ihm - ich erwähnte bereits seine überbordende Energie – natürlich nicht genug.
Er hospitierte bei Proben anderer Chöre, assistierte organisatorisch, bildete sich gesanglich weiter, nahm Dirigierunterricht und arbeitete bald darauf als Teilprobenleiter ebenda.
Im Zuge dessen lernte er Heinrich Moser kennen, der Codirigent an der Berliner Singakademie war und 1975 zum Chordirektor der Singakademie Frankfurt (Oder) bestellt wurde. Damit stand seiner sofortigen Einbindung in die künstlerische und organisatorische Arbeit der Singakademie nichts im Wege.

Einen ersten Höhepunkt erfuhr diese Mitarbeit 1979 in der Übernahme der Leitung des Kinderchores, eines gemischten Mädchen- und Knabenchores, welchem er bis 1990 vorstand.
Seine eigentliche Passion fand er dann aber in dem durch ihn im Jahr 1981 gegründeten Knabenchor der Singakademie Frankfurt (Oder). Die Strahlkraft dieses einzigen Knabenchores des Landes Brandenburg, auch und gerade als kultureller Werbeträger unserer Stadt ist seither ungebrochen, und ich verspreche Dir, lieber Jürgen, dass ich alles in meiner Macht stehende unternehmen werde, dass dies so bleibt.
Hier möchte ich auch ganz besonders Frau Doris Blenck danken, deren nimmermüde Mit- und Zuarbeit wesentlich zu dieser Erfolgsgeschichte beigetragen hat und beiträgt.
Zwischen ihr und Jürgen Hintze ist im Laufe der Jahre ein blindes Verständnis und vor allem eine sehr verlässliche Zusammenarbeit gewachsen und ohne sie hätte selbst Jürgens Energie nicht ausgereicht, diese Ergebnisse zu erzielen.
Danke – Doris!
Die Proben und Konzerte, die Dr. Hintze seither mit beiden Ensembles durchgeführt und gestaltet hat, sind sicherlich durch eine Zahl mathematisch korrekt zu erfassen, diese Zahl wäre aber so groß, dass man sie gewiss in das Reich der Fabel verbannen würde.
Ebenso verhält es sich mit der Zahl an Kindern- und Jugendlichen, die unter Dr. Jürgen Hintzes Händen entweder operiert wurden, oder musizierten, oder – in nicht seltenen Fällen – beides erlebten.
Kompliziertere Operationen fanden dabei natürlich außerhalb des laufenden Proben- und Konzertbetriebes statt.
Beide Zahlen jedoch, an und für sich sicherlich interessante Größen, wären bei der Erfassung einer außergewöhnlichen Lebensleistung aber eben nur technokratischer Art.
Sie könnten und können nicht ausdrücken, was Dr. Jürgen Hintze allen, die von ihm angeleitet und geführt wurden und werden, an Werten mit auf ihren Lebensweg gab und gibt.
Um hier nur einige zu benennen:
Achtung voreinander und das Achten der gegenseitigen Leistungen,

das Erleben einer guten Gemeinschaft und der Stolz auf gemeinsam Erreichtes,
Konzentrationsfähigkeit und Disziplin,
das sich Öffnen können für menschliche, familiäre Wärme,
den Willen, sich über das normale Maß hinaus für ein gemeinsames Ziel einzusetzen,
die Akzeptanz gegenüber Menschen anderer Kulturkreise,
geschult durch viele Chorreisen,
und, so ganz nebenbei, natürlich auch das Wecken von Kunstinteresse und an Kunstausübung.
Viele seiner ehemaligen Schützlinge pflegen weiterhin - für uns leider – in vielen Städten Deutschlands und darüber hinaus den Chorgesang oder erlernten ein Instrument.
Und all dies erreicht er auf die wohl beste und nachdrücklichste Weise, er lebt es - e i n f a c h - vor.
Ob im Beruf:
- er setzt den Schlusspunkt seiner medizinischen Karriere bewusst als Oberarzt, die Stufe Chefarzt hätte für ihn einen Mangel an Praxis bedeutet – Karriere ist eben nicht alles
- bereits in Pension, nimmt er erneut für ein paar Monate die Arbeit auf, um „seine“ Station in gute Hände zu überführen, und, aus Dankbarkeit gegenüber dem Klinikum, welches ihm in seiner künstlerischen Arbeit viele Freiräume gewährte
ob in der Familie:
- es ist für ihn selbstverständlich, seine schwer an Demenz erkrankte Mutter zu sich nach Hause zu holen und zu pflegen

- er gibt Kindern aus dem Kinderheim Rosengarten bei sich ein familiäres Zuhause
- Familie bedeutet für ihn aber auch und gerade Chor:
die jährlichen Zusammenkünfte vieler Ehemaliger zu seinem Geburtstag und am 2. Weihnachtsfeiertag haben Legendenstatus
oder in der Leitung seiner Chöre:
- nie auf den persönlichen, pekuniären Vorteil achtend, im Gegenteil, er trägt aus seiner Privatschatulle oft und in erheblichem Maße zum Gelingen manchen Vorhabens bei, arbeitet er mit vollstem Einsatz, um die gesteckten Ziele bestmöglich zu erreichen.
Beispiel gefällig?
Bei einer Konzertreise nach Litauen verletzt er sich schwer an der Wirbelsäule, für ihn kein Grund, seinen Chor im Stich zu lassen. Mit seinen Jungs fährt er im Bus zurück und lässt sich erst in Frankfurt zur notwendigen Operation direkt ins Klinikum fahren.
Aber nicht nur diese positive Verrücktheit zeichnet ihn aus.
Alle, die Mitglieder seiner Chöre waren und sind, schätzen das von ihm ausgehende, zutiefst Menschliche, welches ihnen als erstes vermittelt:
ich akzeptiere dich, so wie du bist.
Und sie schätzen ebenso ihren lockeren und lustigen Dr. Hintze. Ob beim Gitarrespiel am Lagerfeuer oder beim Fußballturnier im Probenlager.
Hierbei gab es immer ein großes Hallo bei Auftritt Jürgen Hintze:
- Ich sage bewusst „gab“, da er sich mittlerweile altersgerechteren Sportarten zugewandt hat - er erscheint nämlich immer komplett in Weiß, und, ganz integrer Sportsmann, mit langer, weißer Hose.
Es geht sogar die Mär, dass nach ihm, aufgrund seiner fußballerischen Fähigkeiten, Real Madrid als „Weißes Ballett“ benannt wurde.
An dieser Stelle meiner Laudatio wäre jetzt die Beantragung seiner Heiligsprechung logische Konsequenz.
Doch mir fällt da noch einer seiner Wesenszüge ein, der es im Umgang mit ihm manchmal nicht leicht macht, den ich aber als Advocatus diaboli gezwungen bin zu erwähnen.
Er kann sehr stur sein.
In so mancher Diskussion dachte und denke ich oft, warum nur ist er den eigentlich logischen Argumenten nicht zugänglich? Doris Blenck geht es übrigens ebenso. Dann braucht es Geduld! Denn irgendwann, ohne nochmals ein Wort darüber zu verlieren, biegt er stillschweigend auf die Straße des Kompromisses ein.
Und schlussendlich macht ihn auch dies, auf seine ganz eigene, Hintzessche Art, zu diesem besonderen Menschen, der heute und hier diese besondere Ehrung erfährt.
Meine sehr verehrten Anwesenden,

sehr verehrte Mitglieder des Rotary Club Frankfurt (Oder)!
Man sagt gemeinhin, dass man nur ein gewisses Alter erreichen müsse – die Ehrungen kämen dann von allein. Das mag im Allgemeinen und in vielen Fällen auch so sein.
Im speziellen Fall von Dr. Jürgen Hintze ist es aber sicherlich nicht so.
Hier blicken wir auf ein besonderes Lebenswerk, in welchem sich, ganz im Sinne Prinz Leopolds von Braunschweig, Dr. Jürgen Hintze in außergewöhnlicher Weise um Gemeinwohl und Weitergabe humanistischer Werte verdient gemacht hat.
Ich bin Ihnen überaus dankbar, dass sie unseren Jürgen Hintze mit der Leopold-Medaille ehren, sie hätten keinen besseren und würdigeren Laureaten erwählen können.

Herzlichen Dank!